Der Oboist Albrecht Mayer veröffentlicht seine gesammelten Bach-Aufnahmen auf einer Doppel-CD.

Die Oboe ist nicht gerade ein Instrument, mit dem man eine Solokarriere machen kann. Und doch ist Albrecht Mayer genau dies gelungen. Er ist der derzeit berühmteste Vertreter seiner Zunft und dürfte zu den ganz wenigen Orchestermusikern gehören, der es mit seinen CDs bis an die Spitze der Klassik- und sogar der Popcharts geschafft hat. Aus Anlass von „330 Jahre Bach“ hat sich der Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker und mehrfacher Echo-Klassik-Preisträger entschieden, seine gefeierten Aufnahmen der Werke Johann Sebastian Bachs erstmals vollständig gesammelt auf einem neuen Doppel-Album zu veröffentlichen. Andreas Guballa hat mit dem Musiker gesprochen.

Die Oboe gilt als schwieriges und anstrengendes Instrument. Wie sind Sie dazu gekommen?
Ich habe mir die Oboe nicht ausgesucht. Als ich zehn Jahre alt war, spielte ich Klavier und Blockflöte und suchte ein weiteres Instrument. In dem Bamberger Gymnasium, das ich damals besuchte, herrschte ein eklatanter Oboisten-Mangel. Und eines Tages kam mein Vater nach Hause, legte eine Oboe auf den Tisch und sagte: Das wird jetzt gelernt. Das war damals halt noch ein bisschen anders als heute, wo man in der Musikschule erst mal einen Schnupperkurs belegt.

 

Klingt eigentlich nicht nach dem Beginn einer vielversprechenden Beziehung?

Ich war der Jüngste in dieser Oboenklasse. Und hatte wohl auch Talent, denn schon bald hatte ich die anderen überholt. Und weil es in Bamberg so wenige Oboisten gab, war ich ein gesuchter Musiker. Das hat mir gut getan – ich hatte eine Sprachhemmung, habe gestottert. Mit der Oboe durfte ich überall mitspielen, war plötzlich jemand, bekam Anerkennung. Das hat mir geholfen. Mit zwölf Jahren spielten wir ein Händel-Konzert, da bekam ich meine erste Gage: 50 Mark, das war für mich 1977 eine Menge Geld. Und da habe ich beschlossen, dass ich Profimusiker werden will.

 

Was macht die Oboe für Sie so liebenswert?

Die Oboe ist ein bisschen wie ein vernachlässigtes Kind. Sie kann nicht so schnell spielen wie andere Instrumente, nicht so virtuos. Sie ist nicht so leise und nicht so laut. Aber sie kann etwas besonders gut: die Menschen anrühren und zwar auf seine sehr spezielle, sehr intime Art und Weise.

 

Verändert sich über die Jahre die Beziehung zu einem Instrument wie in einer zwischenmenschlichen Beziehung?

Natürlich verändert sich eine Beziehung, insbesondere zu einem Instrument, das einen ein ganzes Leben lang begleitet hat. Es gibt Höhen und Tiefen und Tage, an denen man das Instrument anschaut und denkt: heute wird es nichts mit uns, wir gehen uns lieber aus dem Weg. Aber dann gibt es auch immer wieder die Bereitschaft aufeinander zuzugehen – wie in einer Ehe.

 

Die meisten Musiker sind ja entweder erfolgreiche Solisten oder Orchestermusiker. Sie machen beides. Warum bleiben Sie bei den Berliner Philharmonikern?

Es ist wunderbar als Solist unterwegs zu sein und auch mit anderen Musikern zu arbeiten. Das erfüllt mich sehr. Das ist gut für meine Musik, meine Ideen und auch fürs Ego. Auf der anderen Seite ist es auch gut, wieder in diese Gemeinschaft der Berliner Philharmoniker zurückzukehren und dort auch mal einer von vielen zu sein und sich inspirieren zu lassen. Es gibt viele Dirigenten, die eine Inspirationsquelle für mich sind. Außerdem gibt es viele nette Kollegen im Orchester. Ich fühle mich dort sehr wohl.

 

Sie haben in vielen zurückliegenden Projekten Kompositionen für Ihr Instrument adaptiert. Sind Sie mit dem Originalrepertoire durch?

Die Oboe hat ein riesiges Repertoire – größer als Klarinette und Flöte zusammen; aber nicht von den großen und bekannten Komponisten. Das ist unser Dilemma und bewegt mich dazu, immer wieder mal einen Seitenschritt zu wagen und mir Repertoire von anderen Instrumenten oder einer Singstimme auszuleihen, wenn ich das Gefühl habe, das würde sich auf einer Oboe gut machen.

 

Wie schaffen Sie es, Ihr Publikum immer wieder über all die Jahre zu begeistern?

Ich mache Konzeptalben. Da wird der Hörer nicht bei Track vier aus der Bahn geworfen und spult mal kurz zur Nummer sieben vor. Das ist etwas anderes als diese furchtbaren Potpourris, von Scarlatti bis Skrjabin oder so. Und dann schauen die Leute offenbar gerne zu, wenn ich mal im Fernsehen auftreten darf. Medienpräsenz ist schon wichtig. Sonst dringt eine CD nicht an die Ladenkasse vor.

 

So ein Konzeptalbum ist auch Ihre aktuelle Doppel-CD „Bach – Konzerte und Transkriptionen“, das am 16. Oktober erscheint. Was schätzen Sie an Bachs Musik?

Die Musik Bachs ist so genial, weil sie bis zum heutigen Tage unerreicht ist. Selbst seine Vorbilder und Zeitgenossen konnten ihn nicht mal annähernd erreichen. Solche Musik kann man nur schreiben, wenn man tief in sich Liebe fühlt und sie auch teilen kann. Sonst würde man viel zu plakativ sein und viel zu eingeschränkt in seinem Ego. Ich denke, wenn Bach eines nicht war, dann ein Egoist.

 

Worauf dürfen sich die Fan bei Ihrem Album freuen?

Meine beiden Bach-Alben „Lieder ohne Worte“ und „Bach“ werden durch weitere rekonstruierte Konzerte ergänzt, so dass ein umfassendes Portrait Bachs auf der Oboe entsteht. Das Album bietet neben Konzerten und Chorälen auch Bearbeitungen der schönsten Werke Bachs, darunter Sätze aus dem „Italienischen Konzert“ , „Magnificat“, „Messe in h-moll“, „Matthäus-Passion“, Kantaten, Sonaten, Orchestersuiten und vieles mehr.

 

Haben Sie eine musikalische Mission?

Ich will die Menschen mit meinem Instrument emotional berühren. Wenn ich das Gefühl habe, dass die Musik das Publikum erreicht, habe ich alles richtig gemacht. Ich diene keinem Komponisten, ich diene auch nicht der Musik, ich diene, wenn überhaupt, nur dem Publikum.

Das Doppel-Album erscheint am 16. Oktober bei der Deutschen Grammophon.

Tourdaten:

  • 23.10.2015 Neuhardenberg (DE), Schinkel-Kirche
  • 24.10.2015 Wachenheim an der Weinstraße (DE),
  • 25.10.2015 Wachenheim an der Weinstraße (DE),
  • 24.11.2015 Bremen (DE), Die Glocke
  • 25.11 2015, 19.30 Uhr, Hamburg, Laeiszhalle
  • 26.11.2015 19:30 Hannover (DE), NDR Landesfunkhaus Niedersachsen
  • 27.11.2015 Düsseldorf (DE), Tonhalle
  • 09.12.2015 Berlin (DE), Philharmonie
  • 11.12.2015 Bielefeld (DE), Rudolf-Oetker-Halle
  • 13.12.2015 Bielefeld (DE), Rudolf-Oetker-Halle
  • 14.12.2015 Köln (DE), Philharmonie
  • 16.01.2016 Potsdam (DE), Nikolaisaal
  • 26.02.2016 Weißenburg (DE), Kulturzentrum Karmeliterkirche
  • 27.02.2016 Nürnberg (DE), Meistersingerhalle
  • 05.03.2016 Hitzacker (DE), VERDO Kultur- und Tagungszentrum
  • 06.03.2016 Hitzacker (DE), St. Johanniskirche
  • 07.03.2016 Hitzacker (DE), St. Johanniskirche
  • 09.03.2016 Hitzacker (DE), St. Johanniskirche
  • 12.03.2016 Hitzacker (DE), VERDO Kultur- und Tagungszentrum
  • 13.03.2016 Hitzacker (DE), VERDO Kultur- und Tagungszentrum
  • 24.04.2016 Düsseldorf (DE), Robert-Schumann-Saal
  • 20.05.2016 Bonn (DE), Beethoven-Haus
  • 22.05.2016 Dresden (DE), Staatliche Kunstsammlungen – Albertinum