Die NDR Big Band mit ihrem Saxofonisten Christof Lauer und Rainer Tempel haben Sidney Bechets in die Jetzt-Zeit übersetzt.

Das vor 175 Jahren erfundene Saxofon ist aus der Jazzmusik nicht wegzudenken. In den 1920er Jahren machte es Sidney Bechet in New Orleans populär. Die NDR Bigband mit ihrem Saxofonisten Christof Lauer haben dem kreolischen Musiker mit „Petite Fleur“ eine besondere Hommage gewidmet. Arrangeur Rainer Tempel hat die Musik in die Jetzt-Zeit übersetzt und eröffnet ganz neue Perspektiven auf Klassiker wie das titelgebende „Petite Fleur“ oder „Dans les rues d’Antibes“. Andreas Guballa hat mit beiden Musikern gesprochen.

Nur noch wenige Kenner wissen, wer der Jazz-Pionier Sidney Bechet war. Bringen Sie ihn unseren Lesern doch mal näher…

Christof Lauer: Neben Louis Armstrong war er einer der wichtigsten Figuren des Oldtime Jazz, vor allem weil er der erste war, der das Sopransaxofon in den Fokus gerückt hat und ein Meister dieses Instrumentes war. Er ist erst später bekannt geworden, als er aus den USA nach Europa gezogen ist und tief in der französischen Jazzszene verwurzelt war.

Das Besondere an seiner Musik ist, dass er ein einzigartiger Stilist war und ein grandioser Komponist, der einfachste Melodien geschrieben hat, die bis heute geniale Ohrwürmer sind, und teilweise große Hits geworden sind.

Rainer Tempel: Ich musste mich anfangs erst einmal mit ihm befassen, weil ich den Namen nur aus dem Geschichtsbuch kannte. Mit seinen kreolisch-amerikanischen Wurzeln ist er vielleicht der erste Weltmusiker, was sich in seiner Musik widerspiegelt. Mal findet man beinahe orientalische Klänge genauso wie Ur-Bluesiges und Musette. Das ist alles authentisch in seiner Person angelegt, während heute so etwas alles am Reißbrett konstruiert ist.

 

Wie ist es zum Projekt gekommen?

Christoph Lauer: ACT Plattenchef Siggi Loch hatte mir schon vor vielen Jahren den Vorschlag gemacht, in kleiner Besetzung etwas über Sidney Bechet zu machen. Ich hatte damals aber andere Sachen im Kopf, es hat aber immer etwas in mir geschlummert. Als es zum 175. Jubiläum des Erfinders Adolphe Sax darum ging, mit der NDR BigBand ein Projekt zu machen, habe ich mich wieder daran erinnert.

 

Was hat Sie an dem Projekt gereizt?

Rainer Tempel: Zu allererst die Zusammenarbeit mit Christof Lauer, den ich als Solisten und Menschen sehr schätze. In einem so konzentrierten Projekt haben wir aber vorher noch nicht zusammengearbeitet. Christof hat einen unglaublichen Sound. Wenn er das Instrument ansetzt, ist sofort etwas da. Gleichzeitig ist er ein Spiegelbild des 20. Jahrhunderts: man hört John Coltrane in ihm und David Liebman, aber auch europäische Musiker wie Emil Mangelsdorff und seine Frankfurter Herkunft. Er ist ähnlich wie Bechet ein Kind seiner Zeit und seiner Biografie.

 

Sie haben Bechet aber nicht kopieren, sondern Sie sind einen eigenen Weg gegangen…

Christof Lauer: Jede Kopie wäre müßig, weil Bechet selbst so genial gespielt hat. Es ging uns darum, diese unvergesslichen Stücke in eine neue Form zu fassen und eine neuzeitliche Interpretation auf die Beine zu stellen – und das in BigBand-Format.

Rainer Tempel: Ich mache natürlich keine Bearbeitung, bei der einfach nur ein paar Leute mehr mitspielen, sondern versuche zum Kern der Komposition vorzudringen, ihn herauszuschälen und neu zu arrangieren. Das bringt mich ganz zwangsläufig über die Zeit, in der ich lebe, zu einem anderen Zugang dieser Musik. Trotzdem habe ich großen Respekt vor dieser Musik, ihrer melodiösen Qualität und harmonischen Klasse. Es gibt bestimmte Punkte, die ich nicht antaste. Ästhetisch baue ich einiges außen herum. Ich hoffe, dass es einen Mehrwert bekommt, wenn es persönlicher und aktueller klingt.

 

Bei welchen Arrangements zeigt sich Rainers Meisterschaft besonders gut?

Christof Lauer: Eigentlich bei all‘ seinen Sachen. Er arrangiert das nicht BigBand-typisch, sondern die Musik behält ihre ursprüngliche Leichtigkeit. Dadurch gehen die Melodien von Bechet nicht kaputt. Es klingt leicht und durchsichtig und ist trotzdem intensiv und dicht. Das ist es auch, was ich an ihm so schätze. Daher konnte ich mir auch nur ihn für dieses Projekt vorstellen.

 

„Petite Fleur“ hat in diesem Jahr den ECHO JAZZ bekommen. Was bedeuten solche Auszeichnungen für Sie und den Jazz?

Christof Lauer: Die Auszeichnung ist ein Ansporn weiter an sich zu arbeiten und nicht stehen zu bleiben. Gleichzeitig ist es eine Belohnung für die Arbeit, die man in all den Jahren geleistet hat.

Rainer Tempel: Der ECHO hat einen großen Stellenwert und eine große mediale Aufmerksamkeit. Andererseits gibt es ganz tolle Produktionen, die bei kleinen Labels erscheinen und bei solchen Veranstaltungen keine Rolle spielen.

 

Was ist Ihr Antrieb als Musiker?

Rainer Tempel: Musik ist mein primäres Ausdrucksmittel. Ich bin seit dem Moment, als ich zum ersten Mal etwas geschrieben habe, fasziniert davon, wie eine Komposition dann tatsächlich klingt und was man beeinflussen kann. Das ist seit 25 Jahren so geblieben. Natürlich ändern sich durch die Erfahrung das Vorhersehen und der konzeptionelle Ansatz. Der Anteil, der vom Bauch kommt, ist zurückgegangen. Ich reflektiere viel mehr und ordne ein.

Christof Lauer: Ich bin immer auf der Suche, Sachen besser zu machen. Wenn ich „Petite Fleur“ heute aufnehmen würde, würde es ganz anders klingen.

 

Wie müssen musikalische Projekte beschaffen sein, um Ihr Interesse zu wecken?

Christof Lauer: Ich brauche immer Reibungspunkte, die eine Herausforderung darstellen – sowohl was die Musik angeht als auch die Musiker.

Rainer Tempel: Ein neues Projekt muss immer einen künstlerischen Wert haben. Zum Glück kann ich mir heute die Sachen aussuchen. Ein bisschen Suchen und Forschen muss dabei sein. Wiederholung interessiert mich weniger.

Termine:

  • 19. September: NDR BigBand mit „Petite Fleur“ in Meldorf (Aldra Gewerbepark)